Wenn unversehens eine gute Nachbarin auszieht
Plötzlich war alles anders. Nicht, dass die Welt aus den Angeln gehoben wurde. Nicht, dass ein Unfall geschah, der die eigene Befindlichkeit schmerzlich veränderte. Nicht, dass aus der Familie einer anrief, der Schreckliches zu vermelden hatte. Nein, nichts von alldem, was wie ein Fallbeil niedersaust, war soeben geschehen.
Und doch war plötzlich alles anders. Sekundenschnell wechselte die Szene, die eben noch so für die Dauer gemacht zu sein schien, als ich auf der Geburtstagsparty meiner Nachbarin im April vor 2 Jahren ihre Worte vernahm.
„ Es gibt da noch Neuigkeiten: Wir ziehen um – schon im August…“ sagte sie schon beinahe entschuldigend, während ich erschrocken reagierte:„ Das ist nicht wahr.“
War ich es nicht, die schon den Mietvertrag für die neue Wohnung unterschrieben hatte, um näher bei meiner Schwester mit meinem süßen Neffen zu sein, um morgens schneller ins Büro zu kommen und um meinen Kindern den sehnlichen Wunsch von den eigenen Zimmern zu erfüllen? Und dann so was.
Zugegen, das war eine höchst egoistische Reaktion, denn warum sollte ein Wohnungswechsel nicht auch für sie wahr werden- jetzt da sie den Menschen gefunden hat mit dem sie auf einer Wellenlänge schwamm- sie hat es doch verdient…und ich- ich wäre doch in ihrer Nähe geblieben- wir hätten uns, wann immer auch, spontan besuchen können. Was sind schon 16 km?
Nach Hamburg würden sie ziehen, es hat sich so ergeben (und machte ja auch Sinn) ein neuer Anfang, schließlich wohnen ihre Schwester auch im Norden…
Eine gute Nachbarin geht – was hatte ich ihr nicht alles zu verdanken? Mindestens tausendmal hat sie mir mit ihrem Optimismus ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert – wir haben zusammen gelacht und geweint. Wir haben uns gegenseitig getröstet und Mut zugesprochen, wenn es für Eine von uns mal nicht so gut lief. Schon vor meinem Einzug hat sie mir beim renovieren geholfen, mir stundenlang zugehört, als ich in der Krise kurz nach der Trennung von meinem Ex-Mann war- und das obwohl sie selbst zu diesem Zeitpunkt nicht weit vom selben Schicksal entfernt war. Wie oft haben wir unsere Gedanken ausgetauscht, uns gegenseitig Rat geholt und uns zugehört. Wie oft haben wir einfach ganz ungezwungen im Schlafanzug ein Glas Rotwein zusammen genossen- im Sommer auf der Wiese geklönt- und sind stundenlang durch die Möbelhäuser gezogen – immer auf der Suche nach neuen Impressionen – Kleinigkeiten die uns Freude bereiten. Ja und nicht zu vergessen, die wichtigsten Dinge wurden nicht etwa im Wohnzimmer- nein sie wurden im Treppenhaus Tür an Tür besprochen- das hat die Kids am meisten genervt, weil sie genau diese Sachen nicht mitbekommen haben *g* die kleinen neugierigen Zwerge! Einen Sommer waren wir sogar Nachbarn auf dem Zeltplatz in Holland – Mensch war das witzig – ich sag nur Dünen…
Das wertvollste aber war, die Ungezwungenheit- sich einfach „ nur“ so zu treffen ohne eine Absicht im Hinterkopf- das vermisse ich heute am meisten. Es ist niemand mehr da, der einfach nur mal so vorbeischaut- wer auch immer sich heute in meinem Umfeld befindet, will irgendetwas von mir…
Nun eine so innige Nachbarschaft, wo ist sie anzusiedeln? Sie ist – neben dem Vertrauensbeweis – ein herrlich schwebender Zustand in einem Niemandsland zwischen Anonymität und Freundschaft.
Wenn wir lesen müssen, dass Menschen erst nach Tagen – manchmal Wochen – in ihren Wohnungen gefunden werden, dann spüren wir etwas von der erschreckenden Einsamkeit, die leider in den Wohnblöcken < zu Hause > ist.
Als der Motor des Möbelwagens startete, da überfiel mich Traurigkeit. Wie sehr wird sie mir fehlen! Als wenn sie meine Gedanken gelesen hätte, nahmen wir uns – Tränen in den Augen- in die Arme, schworen uns ein baldiges Wiedersehen und wünschten uns noch eins- dass wir wieder so gute Nachbarn bekommen…
Das war der Satz, der wie ein Schatten ins Zimmer fiel.
Gute Nachbarschaft ist heute längst nicht mehr die selbstverständlichste Sache von der Welt, sondern ein Geschenk, ein Glück und darum meist ein kleines Wunder.
In Gedanken Hopefulwoman
hopefulwoman - 20. Mai, 00:40
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